Rolf Kötterheinrich u. Susanne Ketelhut

STANDARDISIERTE INTERVENTIONS-

PLANUNG

Arbeitshilfe für pädagogische Interventionen in den Hilfen zur Erziehung

Mit Arbeitsblatt zum Herausnehmen: Die 5 Schritte der Standardsierten Interventionsplanung

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Üblicherweise werden Probleme, Auffälligkeiten und konflikthaftes Verhalten von Jugendlichen im Betreuungsalltag in Fallbesprechungen bearbeitet. Fallbesprechungen beinhalten die Auseinandersetzung mit der Persönlichkeit der Jugendlichen, mit ihrem Verhalten und mit ihrem Umfeld und sie beinhalten – in der modernen Durchführung – Problem- und Ressourcenanalysen. Sie münden in Planungsüberlegungen und konkrete Interventionen, die zielgerichtet und nachhaltig abgestimmt sind. Fallbesprechungen bündeln Ergebnisse und dienen der Herausbildung von Perspektiven: für die Jugendlichen, deren Herkunftssysteme und für die Betreuer.


Langjährige Erfahrungen in der Durchführung von Fallbesprechungen und die Analyse der jeweiligen Gesprächsverläufe sowie der strukturierenden Eingriffe seitens der Gesprächsleitung offenbarten uns wiederkehrende Muster in den Gesprächsverläufen. Aus diesen Mustern heraus haben wir die Standardisierte Interventionsplanung – SIP – entwickelt und im pädagogischen Alltag erfolgreich erprobt.


Dabei stellte sich heraus, dass der Betreuer mit Hilfe der SIP die gesamte Erziehungsplanung mit und für den Jugendlichen strukturieren kann. Oft reicht dazu ein Gesprächstermin, an dessen Ende, ausgehend von den Verhaltensauffälligkeiten, ein „Fahrplan“ für die notwendigen pädagogischen Interventionen im Hinblick auf vereinbarte Ziele steht. Die SIP kann insofern schon bei der Aufnahme insbesondere in die stationären Formen der Hilfen zur Erziehung Berücksichtigung finden, denn das Instrumentarium dient schließlich dem Überblick und der Gestaltung von Perspektiven.

SIP kommt dabei nicht ohne grundlegende Ressourcen- und Zukunftsorientierung aus. Beide Ansätze bilden ebenso den Rahmen wie der Einbezug der Betroffenenperspektive. SIP erfordert eine partizipative Grundorientierung. Das heißt: Alle Beteiligten müssen in alle Schritte der Interventionsplanung einbezogen werden. So werden alle Handlungsschritte transparent und dienen letztlich der Unterstützung der Jugendlichen mit dem Ziel, sie zu befähigen, ihr Leben eigenständig und konstruktiv zu gestalten.


SIP baut sich schrittweise auf und stellt die Jugendlichen mit ihren individuellen Situationen dar. Sie basiert auf einer  sachlichen, geradlinigen und schematischen Entwicklung der Intervention. Sie lässt sich grafisch darstellen, und so ist die Visualisierung der relevanten Fakten und Schritte (idealerweise auf einer Flipchart) auch grundlegender Bestandteil der SIP. Die Geradlinigkeit in den Inhalten und in der Darstellung der Begriffe hilft dabei, einen klaren, unverschnörkelten Blick auf die Fakten (Biografie und Verhalten) eines Jugendlichen zu werfen. Hiermit sind die Begriffe gemeint, die zur Beschreibung des Verhaltens, der daraus resultierenden Folgen und der Ziele der Jugendlichen genutzt werden.


In der direkten Arbeit mit den Jugendlichen kann der Begriff der SIP synonym mit dem  Begriff der Landkarte (des Lebens) verwendet werden. In der Anwendung wird aus SIP tatsächlich eine Karte, die der Orientierung dient – in der Vergangenheit, in der Gegenwart und in der Zukunft.
SIP bezeichnet auch die Herausbildung von Grundsätzen und Betrachtungsweisen, um die Wege aus einer Krise sinnvoll zu gestalten. Das erfordert an verschiedenen Stellen auch die Zuhilfenahme theoretischer Grundlagen. In unseren Ausführungen haben wir uns dafür entschieden, stets nur einen kurzen Abriss einzufügen, um nur in dem Maße auf die Theorie einzugehen, wie es notwendig ist. Ganz ohne geht es aber eben nicht. So findet sich am Ende des Buches ein Glossar, das Begrifflichkeiten erläutert, die in den einzelnen Kapiteln erwähnt, aber aus Gründen der Übersichtlichkeit nicht weiterführend erklärt bzw. behandelt werden (diese Begriffe sind im Text mit einem  gekennzeichnet). Im Literaturverzeichnis finden Sie unter anderem Titel, die wir zur Vertiefung für sinnvoll halten.


SIP verschafft einen klaren Überblick, bestimmt eine konstruktive Richtung und sortiert, wer wann etwas zu tun hat. SIP verschafft Zugang zu den Betroffenen, hilft ihnen, sich besser zu verstehen, und bezieht sie in die konkrete Gestaltung von Lösungen ein. Dazu fordert SIP vom Jugendlichen die grundsätzliche Bereitschaft des Zuhörens und Mitwirkens an einer geklärten, positiven Lebensentwicklung. Wird hier keine klare oder gar eine ablehnende Entscheidung getroffen, ist SIP wirkungslos. Erst wenn jemand „gut im Leben stehen will“ und dies als Ziel ausdrücklich formulieren kann, entfaltet sich die Wirksamkeit der Standardisierten Interventionsplanung.

Auf Seiten des Betreuers erfordert SIP Offenheit und Mut. Offenheit, um auch unangenehme Dinge zu ertragen, zum Teil ungewöhnliche Bewältigungsstrategien und Lebensperspektiven zu akzeptieren und sich darauf einzulassen. Mut, um absolute Transparenz herzustellen und auch die eigene Rolle und die eigenen Kompetenzen darzustellen. In Kapitel 6 werfen wir den Blick auf die Betreuer und die Alltagsumsetzung von SIP.
Im Verlauf der Entwicklung dieser Arbeitshilfe standen uns Marie, Lizzy und Jan2 zur Seite, die wir „Doppelperspektivler“ nennen. Sie waren selbst Jugendliche in Jugendhilfeeinrichtungen, sind jetzt Mitarbeiter in den stationären Hilfen zur Erziehung und befinden sich somit in der Betreuerposition. In Gesprächen mit ihnen konnten wir nochmals die Wirksamkeit der SIP abgleichen, und zwar unter Berücksichtigung ihrer verschiedenen Perspektiven. Ihre Aussagen finden sich als Zitate in der Randleiste wieder.